Weißer Ring

 

Frau Theelen (Foto:Heinrich Helms)

Der Weiße Ring, vor 46 Jahren von Eduard Zimmermann ins Leben gerufen, begleitet und hilft derVerein betroffenen Personen, die Opfer von Straftaten wurden. Unabhängig von der Schwere der Tat.Zusätzlich leisten die Mitarbeiter*innen präventive Aufklärungsarbeit zur Verhütung von Straftaten.

Bundesweit mit 400 Außenstellen vertreten, davon 44 in Niedersachsen, ist für den Landkreis Harburg u.a. Frau Theelen ehrenamtlich im Einsatz, die uns für ein Gespräch zur Verfügung stand.

Frau Theelen, wie bzw. wodurch sind Sie auf diesen Verein aufmerksam geworden?

Über 30 Jahre habe ich Tisch und Bett mit einem Kriminalbeamten geteilt und hatte somit Kenntnis von diesem Verein. Daher lag es mir nahe, mich dem Weißen Ring anzuschließen.

Was war Ihre Motivation, dort ehrenamtlich aktiv zu werden?

Mir war es wichtig ein Ehrenamt auszuüben, indem ich mit Menschen zu tun habe. Angeregt durch die Aussage von Eduard Zimmermann aus „Aktenzeichen XY ungelöst“ „alle kümmern sich um die Täter, wer ist für die Opfer da?“ war es mir ein Herzenswunsch, hier unterstützend mitzuwirken.

Was machen Sie dort genau?

Eine gute Frage (lachend.) Die Tätigkeiten beim Weißen Ring sind breitgefächert und umfangreich. Ich selbst bearbeite Opferfälle, leiste Präventions- und Öffentlichkeitsarbeit. Alle unsere Mitarbeiter werden speziell geschult. Ich bin eine der im Weißen Ring ausgebildeten EHS – Beraterinnen, heißt, ich unterstütze Opfer von sexuellem Missbrauch im familiären oder institutionellen Kontext, um zu ihrem Recht zu kommen. Als stellvertretende Außenleiterin bin ich zusätzlich für die Koordination und Umsetzung der Aufgabenverteilung in unserer Außenstelle zuständig.

Worin sehen Sie den Nutzen dieses Vereins?

Die Vielseitigkeit; um für Opfer einer Straftat da zu sein, zuhören zu können, Mut zuzusprechen und zu motivieren.Jeder Fall ist ganz individuell, vom Handtaschendiebstahl bis hin zum Kapitaldelikt. Für uns ist es wichtig, unsere Lotsenfunktion wahrzunehmen. Wir lotsen und begleiten die Opfer durch das Hilfesystem und vermitteln immer die professionellste Hilfe,z.B.durch Kostenübernahme eines anwaltlichen Erstgespräches oder einem psychotraumatologischen Erstgespräch. Dadurch können wir gemeinsam mit dem Betroffenen viele Wege überlegen und abstimmen, was kann man tun, damit es ihm besser geht.

Wie kommt eine Kontaktaufnahme zustande?

Nach dem telefonischen Erstkontakt wird ein Termin für ein persönliches Treffen vereinbart. In dem Gespräch gilt es herauszuarbeiten, was ist passiert, in welcher Situation befindet sich der Anrufer/die Anruferin und welche Maßnahmen können wir als Soforthilfe anbieten.

Wie reagiert ein Hilfesuchender beim ersten Anruf?

Oftmals sind die Menschenmit der gesamten Situation überfordert und dankbar für die Wege, die ihnen aufgezeigt werden. Sei es ein Arzt-, ein Behördenbesuch, oder der begleitende Gang zur Polizei oder zum Gericht. Das gibt dem Hilfesuchenden ein Gefühl der Sicherheit und verringert oder beseitigt manchmal auch ein Schamgefühl.

Oftmals reicht es aber auch schon aus,dem Anrufer intensiv und aktiv zuzuhören.

Wie lange sind Sie schon dabei und was motiviert Sie, immer aufs Neue weiterzumachen?

Ich selbst bin jetzt 4 Jahre dabei, meine Motivation ist das Herzblut dieser Aufgabe.

Wieviel Zeit investieren Sie für Ihre Einsätze?

Zeitlich bin ich flexibel und kann es auf meinen Alltag abstimmen.Die einzige Vorgabe ist die telefonische Kontaktaufnahme innerhalb von 48 Stunden nach dem Eingangstelefonat. Wir arbeiten in einem Team und sollte ein Fall nicht in mein Zeitfenster passen, springt immer ein Mitarbeiter ein.

Wie sieht die Teamarbeit aus?

Wir gehen, soweit möglich, immer zu zweit zu einem Opfer und tauschen uns auch hinterher aus. Einmal im Monat erfolgtein Teammeeting.Zusätzlich besteht die Möglichkeit einer Supervision, sozusagen Seelenhygiene, denn auch für uns Mitarbeiter steht in schwerwiegenden Fällen immer Hilfe parat.

Wie viele Fälle verzeichneten Sie in den letzten Jahren?

Die Zahl ist schwankend. Im Jahr 2020 zählten wir im Landkreis 70 – 80 Delikte, offensichtlich bedingt durch Corona. Im Jahr 2021 waren es ca. 140. Hierbei stellten wir eine große Zunahme an Sexualdelikten fest.

Welche Bereicherung bringt Ihnen persönlich das Ehrenamt?

Das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, denn Menschen sind das Wichtigste, was wir haben.Sehr viele Menschen sind alleinoder haben eine schwierige Lebenssituation, ältere Menschen, die hilfebedürftig sind oder junge Menschen mit Cybermobbing, die betreut werden sollten. Hier helfend tätig zu sein, ist mein Herzenswunsch und gleichzeitig meine Bereicherung.

Gibt es ein schönstes bzw. eindrucksvollstes Erlebnis?

Es gibt so viele bleibende Erlebnisse. Dankbarkeit ist immer mit im Spiel, sei es ein erleichterndes Lächeln, ein herzlicher Weihnachtsgruß mit Fotos oder rührende Worte, die auch schon einmal Tränen haben fließen lassen.

Was schafft Vertrauen zwischen den Opfern und Ihnen?

Empathie als Grundlage, ein vertrauensvolles Gespräch und ganz klar – Diskretion! Wir stehen auf der Seite der Opfer und glauben ihnen. Kommt dieses Gefühl bei den Hilfesuchenden an, entsteht eine Vertrauensbasis.

Wie ist aus Ihrer Sicht der Bekanntheitsgrad des Weißen Rings?

Lediglich 40% der Bevölkerung kennt den Weißen Ring; hauptsächlich ältere Menschen, die noch Eduard Zimmermann und Aktenzeichen XY ungelöst sahen. Jüngere Menschen kennen uns weniger. Da versuchen wir, unterstützt durch die Polizei und andere Netzwerkpartner, durch Beratungsgespräche, Präventionsaktionen und guter Öffentlichkeitsarbeit zu überzeugen.

Was muß man mitbringen, um in Ihrem Verein ehrenamtlich tätig sein zu können?

Empathie ist das A und O; ein spezieller beruflicher Werdegang ist nicht erforderlich. Nach mehreren Gesprächen und einer Hospitationszeit entscheidet das Team über die Eignung. Danach beginneneine entsprechende Schulung und Ausbildung, die für den angehenden Mitarbeiter kostenlos ist.Voraussetzung ist natürlich ebenso ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis.

Was ist Ihr Fazit aus Ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit?

Es erscheint mir wichtig zu erwähnen, nicht immer ist eine Strafanzeige erforderlich.Vielen Menschen ist ebenfalls nicht bewußt, die Begleitung ist losgelöst vom Zeitpunkt der Straftat. Selbst Taten, die in der Kindheit oder Jugend erfolgten, können zu einem viel späteren Zeitpunkt noch schwere psychische oder physische Probleme erzeugen. Hier gibt es Mittel und Wege, auch diesen Menschen zu helfen, sei es durch Institutionen, Vereine oder speziellen Fonds.

 

 

 

Neben Frau Theelen wohnte auch noch Sabine dem Gespräch bei. In ihrer Kindheit mehrfach sexuell missbraucht, durchlebte sie jahrzehntelang ein unfaßbares Martyrium, bevor sie sich an den Weißen Ring wandte. Es ist ihr ein großes Anliegen, von ihren Erfahrungen zu berichten.

Wie oder wodurch haben Sie von diesem Verein erfahren?

Viele Jahre in einem anderen Bundesland lebend, bin ich täglich auf dem Arbeitsweg an der Außenstelle vorbeigefahren, ohne hierüber etwas zu wissen. Irgendwann wurde ich neugierig und aus reinem Interesse habe ich Erkundigungen eingezogen, ohne davon Gebrauch zu machen.

Was war Ihr Beweggrund, sich mit dem Weißen Ring in Verbindung zu setzen?

Ich hatte mich nie getraut, doch ein Trigger ließ Jahrzehnte später die Tat wieder präsent werden.

Aus meiner jahrzehntelangen Erfahrung wußte ich, irgendwann kann man nicht mehr selber helfen und auch alle Gefallen des Zuhörens sind aufgebraucht. Wieder fühlte ich mich ziemlich allein und mußte nach Außenstehenden suchen, um für mich doch noch Gerechtigkeit zu erfahren. Dabei ist mir dann tatsächlich der Weiße Ring wieder eingefallen.

Wie war Ihre erste Kontaktaufnahme?

Ich habe angerufen und um Hilfe gebeten. Sowohl die hohe Diskretion,und auch die ersten Schritte der Kontaktaufnahme, stehen gleich auf der Homepage. Es ist sehr hilfreich zu wissen, dass man sich nicht gleich namentlich nennen darf oder muß.

Nachdem ich dem Außenstellenleiter meine Beweggründe erzählt hatte, wurde mir eine Mitarbeite-rin empfohlen. In meinem Fall war es Frau Theelen, die mich sofort zurückrief und auch gleich ein persönliches Treffen vereinbarte.

Was hat sichfür Sie durch die Unterstützung verändert?

Die prompte Unterstützung in dem persönlichen Gespräch, das entgegengebrachte Vertrauenund die Chemie taten mir gut. Das ist sehr wichtig, denn letztendlich wird eine Art Interview geführt, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Man gab mir gleich zu verstehen, ich kann erzählen, wenn ich dazu in der Lage bin und auch nur soviel, wie ich vertrage! Ein gravierender Unterschied zuSitzungen bei Therapeuten, deren Zeit nach 45 Minuten vorbei ist.

Empathie und das Aufzeigen von Möglichkeiten, von denen ich in all den Jahren weder von Ärzten noch Therapeuten einen Hinweis erhielt, haben mir ebenfalls sehr geholfen.

Durch das aufgebaute Vertrauen konnte ich auch tiefer in das Thema eindringen und etwas erzählen, was andere nicht hören wollen bzw. nicht ertragen können, weil sie nicht wissen, wie man reagieren soll. Man ist quasi tot und muß trotzdem weiterleben – eine unvorstellbare Qual!

In Frau Theelen habe ich die Person gefunden, die alles ertragen konnte und die ich nicht gezwun-genermaßen nach ihrem Befinden befragen mußte, was allgemein erwartet wird. Das alles war ungemein wichtigfür mich und gab mir den Mut, Dinge anzugehen, die ich dann angegangen bin.

Was würden Sie anderen Hilfesuchenden sagen, um sich an den Weißen Ring zu wenden?

Die langjährige Erfahrung und das breite Spektrum aufgrund der Vielseitigkeit an Delikten bieten dem Hilfesuchenden Möglichkeiten an, von denen man vorher oftmals keine Kenntnis hatte. Auf jeden Fall lohnt sich eine Kontaktaufnahme, die zu einem Erfolg führen kann.

Ihr persönliches Fazit?

Der Weiße Ring unterstützt, berät und hilft, er zeigt Dinge auf, ohne sie zu beschönigen und schafft wieder Vertrauen in Menschen, das man vorher nicht gefunden oder verloren hatte.

Unser herzlicher Dank gilt beiden Gesprächspartnern für das informative und sehr offene Gespräch und wir wünschen Ihnen alles Gute für Ihre weitere Zukunft.