Schlaganfallinitiative

In diesem Teil berichten wir über die Schlaganfall-Initiative Buchholz. Diese Selbsthilfegruppe wurde im Jahr 2000 mit dem Ansinnen gegründet, Menschen, die einen Schlaganfall erlitten habenund deren Angehörige mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Zusätzlich wird für alle Menschen Aufklärungsarbeit geleistet, denn Schlaganfall ist die häufigste Erkrankung, bei der Betroffene bleibende Behinderungen nachbehalten.

Für dieses Gespräch stand uns Frau Ulmer, die Sprecherin der Selbsthilfegruppe, zur Verfügung.

Frau Ulmer, wie sind Sie auf diesen Verein aufmerksam geworden ?

2010 sind mein Mann und ich aus Hamburg nach Buchholz gezogen. Aufgrund jahrelanger ehrenamtlicher Tätigkeit in Hamburg, wollte ich berufsbedingt im Gesundheitsbereich bleiben. Mit dieser Aussage wandte ich mich an die Ehrenamtsagentur in Winsen, denn die Freiwilligenagentur f·e·e gab es damals noch nicht. Ich erhielt verschiedene Empfehlungen, dadurch bekam ich den Kontakt zu Herrn Tanger, dem Gründer der Selbsthilfegruppe.

Was war Ihre Motivation, dort ehrenamtlich aktiv zu werden ?

Mein Vater hat selber 4 Schlaganfälle erlitten, wobei er am Letzten dann auch verstorben ist; deshalb hat mich das Thema interessiert.

Was machen Sie dort genau ?

Anfangs dachte ich, ich sollte nur die Webseite gestalten, doch ich bin dabeigeblieben und habe ein paar Jahre später die Nachfolge von Herrn Tanger angetreten.

Als zertifizierte Schlaganfall-Mentorin berate ich Betroffene und Angehöre, moderiere die Gruppentreffen und bin Ansprechpartner für alle, die sich für die Selbsthilfegruppe und das Thema Schlag-anfall allgemein interessieren.

Wieviel Zeit investieren Sie für Ihre Einsätze?

Geschätzt 10 Stunden die Woche, manchmal mehr, manchmal weniger.

Worin sehen Sie den Nutzen dieses Vereins ?

Ich weiß wie es ist, wenn man versucht, sich damit alleine auseinanderzusetzen. Daraus resultiert mein heutiges Motto: Gemeinsam sind wir stark, denn persönlicher Austausch ist wichtig.

Viele Menschen haben Scheu, sich mit Erkrankungen zu befassen; wenn es dann akut ist, stehen sie ziemlich hilflos da. Informieren, aufklären und Koordinationsstelle zu sein, das halte ich für sehr wichtig. „Wie geht es jetzt weiter?“ ist gleichermaßen für Betroffene und Angehörige eine entscheidende Frage.Da hilftunser Austausch innerhalb der Gruppe. „Wie hast du damals das gemacht? Wie bist du mit der Ablehnung der Krankenkasse damals umgegangen, wer kann mir dabei helfen? Wo kann ich mich hinwenden, um die Umbauten für mein Auto finanziert zu bekommen? Wie kann ich die Erkrankung meinen Freunden / Bekannten erklären, daß sie sich nicht überfordert fühlen?“

Dieser Austausch ist wertungsfrei und wegweisend und keiner braucht Hemmungen zu haben. Hier kann man so sein wie man ist, denn man befindet sich unter Gleichgesinnten, die sich aufbauen, unterstützen und gegenseitig stärken. In der Solidarität zueinander bekommen sie wieder Lebens-mut und heben die persönliche Lebensqualität an – nicht nur für Betroffene, auch für Angehörige.

Wie lange sind Sie schon dabei und was motiviert Sie, immer aufs Neue weiterzumachen?

Seit 12 Jahren und zu sehen, wie eine Hilfe, die für mich nicht viel Aufwand bedeutet, doch so viel für andere bringt, das ist buchstäblich Gotteslohn!

Arbeiten Sie allein oder im Team ?

Ich werde unterstützt von einem 82jährigen Stellvertreter aus Buxtehude, der selber einen Schlaganfall erlitten hat, und mehr oder minder engagierten anderen Mitgliedern. Naturgemäß ist es bei Organisationen, die sich mit krankheitsbedingten Themen befassen, immer schwierig, weil jemand krankheitsbedingt auch immer schnell wieder ausfallen kann. Das liegt in der Natur der Sache.

Darüber hinaus stehen wir im engen Austausch mit anderen Initiativen und Einrichtungen. Hier zu nennen wäre der Kooperationspartner „Schlaganfall-Ring“ in Hamburg und Schleswig-Holsteinund die Stiftung Deutsche Schlaganfall Hilfe.

Gibt es ein schönstes bzw. eindrucksvollstes Erlebnis ?

Oh ja und das ist noch ganz neu! Ein Mitglied, das noch vor einem ¼ Jahr komplett im Rollstuhl saß, kann nun schon wieder die Treppe hochgehen. So einen Fortschritt mitzuerleben, ist fantastisch!

Wie ist aus Ihrer Sicht der Bekanntheitsgrad der Krankheit und Ihrer Selbsthilfegruppe?

Die Aussagen sind deckungsgleich, wenn auch im sehr niedrigschwelligen Bereich. Erkrankungen sind immer noch ein Tabugebiet! Stehe ich auf dem Stadtfest und rede mit Menschen darüber, habe ich das Gefühl, sie meinen, es sei eine ansteckende Krankheit, was definitiv nicht stimmt. „Nein, damit möchte ich mich nicht mit befassen, das könnte für mich problematisch sein“. Solche Gesundheitsthemen, die am Leben und Tod rühren, sind manchmal für Menschen schwierig zu ertragen.

Welche Bereicherung bringt Ihnen persönlich das Ehrenamt ?

Ganz viel Freude, Feedback und Unterstützung.

Was würde Ihnen ohne dieses Ehrenamt fehlen?

Ich bin schon immer in einem oder anderen Bereich ehrenamtlich tätig gewesen, daher kann ich mir ein Leben ohne Ehrenamt nicht vorstellen. Ich kenne es nicht anders, wenn ich etwas machen kann, dann mache ich es.

Wie ist es aus Ihrer Sicht um die Anerkennung des Ehrenamts bestellt ?

Es gibt natürlich Anerkennung, doch seit Corona ist das alles nicht mehr so doll. 

Was muß man mitbringen, um in Ihrem Verein ehrenamtlich tätig sein zu können ?

Zeit und die Bereitschaft, sich mit Themen wie Leben und Tod auseinanderzusetzen. Idealerweise als Angehöriger oder Betroffener, der schon einmal mit Schlaganfall zu tun gehabt hat, denn Selbsthilfe heißt, aus dem eigenen Erleben zu agieren. Es ist aber keine Pflicht oder Voraussetzung, wenn jemand bereit ist, Fahrten zu übernehmen oder Ausklärungsarbeit zu leisten, sind alle Personen immer herzlich willkommen.

Was ist Ihr Fazit aus Ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit ?

Die Dinge, die man letztendlich bewirken kann, zu bewirken macht eine unglaubliche Befriedigung, doch wird es einem zur Zeit durch die Verordnungen der Coronapandemie, die schrecklich genug ist, sehr schwer gemacht, den persönlichen Austausch und die Hilfe für andere Menschen zu organisieren. Menschen mit Sprachproblemen sind mit digitalen Mitteln nicht so gut zu erreichen bzw. sie können sie nicht so gut nutzen, das macht die Sache sehr, sehr schwierig. „Ich würde mir gerade jetzt noch mehr Unterstützung wünschen, denn man stirbt leider nicht nur an Corona.“

Wußten Sie, daß jedes Jahr in Deutschland 270.000 Menschen einen Schlaganfall erleiden, losgelöst jeglichen Alters? Einer von ihnen ist der heute 45jährige Herr Schubert, den es vor 2 Jahren traf. Bis zu diesem Zeitpunkt war er gesund, sportlich und fit.

 

 

Herr Schubert, wie sieht Ihr Leben heute mit den Folgen des Schlaganfalls aus ?

Vorher war ich gut integriert, war Vertriebsleiter und arbeitsfähig – heute bin ich Rentner. Wenn man einen Schlaganfall erleidet, ist man stark eingebunden in einen richtigen Ablaufplan. Angefangen mit Krankenhaus, irgendwann folgt eine Anschlußheilbehandlung; dadurch hat man nur sehr wenig Kontakt zur Außenwelt.

Ich habe kognitive und körperliche Einschränkungen behalten, bin auf keinen Fall mehr aktiv und habe dadurch auch meinen riesigen Freundeskreis verloren – geblieben ist mir meine Frau.

Wodurch haben Sie von dieser Selbsthilfegruppe erfahren?

Vor meiner Erkrankung hatte ich davon keinerlei Kenntnis. Erst als ich selber davon betroffen war, wies mich eine Betreuerin in meiner Anschlußbehandlung daraufhin.

Was hat sichfür Sie durch die Unterstützung verändert ?

Steigt man notgedrungen tiefer in das Thema Schlaganfall ein, merkt man erst einmal, wie hart unser Gesundheitssystem ist bzw. wie schlecht die Versorgung dieser Patienten im Nachhinein ist.

Hier in dieser Selbsthilfegruppe habe ich viele Leute kennengelernt, die trotz Schlaganfall positiv geblieben sind. Das gibt einem auch einen gewissen Halt und positive Zukunftsgedanken.

Viele Schlaganfallpatienten ziehen sich zurück, werden dadurch häufig sehr einsam, weil sie ihre gewohnten Fähigkeiten nicht mehr abrufen können.

In dieser Selbsthilfegruppe ist es ein schönes Miteinander, man tauscht sich aus und bekommt Tipps für empfehlenswerte Therapien. Jeder lernt, sich auf seine Weise durchzukämpfen. Das ist ganz wichtig, denn diese Krankheit führt oft zu starken Depressionen.

Man selber nimmt an sich eigene Fortschritte kaum oder nicht immer wahr; um so aufbauender ist es, diese von anderen gespiegelt zu bekommen. Dieses Feedback ist unglaublich hilfreich!

Was würden Sie anderen Betroffenen sagen, um sich an diese Initiative zu wenden ?

Du bist nicht allein, du bist umgeben von Menschen, die ihre positive Lebenseinstellung behalten haben.

Die Verbundenheit und der Austausch aufgrund der Krankheit, die Tipps, wie man an seinen Handicaps arbeiten und dabei Fortschritte erzielen kann, ist eine große Bereicherung.

Ihr persönliches Fazit ?

Leute, sucht Euch eine regionale Selbsthilfegruppe und geht darin auf. Ich bin sehr froh, daß es Leute gibt, die so etwas gegründet haben, um Betroffene aufzufangen. Hat man den bereits erwähnten Ablaufplan hinter sich gelassen, braucht man Unterstützung, sein Leben in der neuen Situation zu gestalten.

Unser herzlicher Dank gilt beiden Gesprächspartnern für das informative und offene Gespräch und wir wünschen Ihnen alles Gute für Ihre weitere Zukunft.

Sind Sie Betroffener, Angehöriger oder wollen sich gerne ehrenamtlich in der Schlaganfall-Initiative einbringen, wenden Sie sich zur ersten Kontaktaufnahme gerne an die Freiwilligenagentur f·e·e unter Telefon 0176 / 54639639 oder per Mail an fee@freiwilligenagentur.net.

 

 

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